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„Ich bin froh, dass mich diese Neugier vor Existenzängsten bewahrt.“

In dieser Interview-Reihe stellen wir literarische Freelancer vor. Egal ob Autor*in, Übersetzer*in, Lektor*in oder Veranstalter*in: Jede*r hat seinen*ihren eigenen Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Wie war das bei dir, Nefeli Kavouras?

Stell dich kurz vor! Wer bist du und was arbeitest du im Literaturbetrieb?

Ich bin Nefeli Kavouras, lebe seit Neujahr 2015 in Hamburg und ungefähr seitdem bin ich in diesem kuriosen Literaturbetrieb tätig. Ich arbeite beim Indieverlag mairisch Verlag, organisiere innerhalb des Literaturkollektivs foundintranslation multilinguale Literaturformate wie zum Beispiel die Hafenlesung, die regelmäßig im Nachtasyl stattfindet. Ich führe mit dem Hamburger Autor Anselm Neft den monatlichen Literaturpodcast laxbrunch, schreibe für das Hamburger Stadtmagazin Hinz&Kunzt die Literaturkolumne „Auf ein Getränk mit…“ und arbeite einfach bei unterschiedlichen Literaturveranstaltungen. Ich moderiere, schreibe und sage generell zu vielem „Ja“, bei dem ich das Gefühl habe: da wird von guten Menschen Literatur vermittelt.

Was war für dich beim Berufseinstieg die größte Herausforderung?

Ich glaube, die größte Herausforderung merke ich erst jetzt und zwar, mich selbst für die Zukunft zu strukturieren. Mein Berufseinstieg hat sich so organisch formiert, es war leicht, zu allem „Ja“ zu sagen und jetzt ahne ich, dass ich mich zerfasern könnte, wenn ich mir nicht genau überlege, was ich jetzt oder in drei oder in fünf Jahren möchte. Das hemmt mich in meiner Begeisterungsfähigkeit. Zumal ich immer mehr vor dem Punkt stehe, dass ich nicht nur an den Projekten anderer arbeiten möchte, sondern selbst etwas erschaffen mag. Und manchmal fühlt es sich alles so verzahnt an, da fällt es mir schwer, von gewissen Arbeiten zurückzutreten, um ein langfristiges Ziel zu verfolgen. Sprich, der Berufseinstieg war simpel, weil alles offen war und ich kein großes Ziel hatte. Ich war dankbar, dass ich direkt an gehaltvollen Formaten arbeiten durfte, dass ich mir nicht überlegte, was für ein „Berufsprofil“ ich mir gerade zulege.

Was war die wichtigste Erkenntnis deiner bisherigen beruflichen Laufbahn?

Die wichtigste Erkenntnis hatte ich eigentlich vor meinem Arbeitsbeginn (wobei ich nicht einen klassischen Arbeitsbeginn hatte, sondern schon als Schülerin Literaturprojekte organisiert habe und irgendwann hatte ich halt mein Abitur und dann ging es weiter etc. etc.), jedenfalls merkte ich, dass ich einfach etwas mit Literatur machen wollte. Ich hatte nie den Traum, die große Lektorin, die große Autorin, die Literaturvermittlerin zu werden. Ich fand alles reizend und merkte, dass ich mich auch nicht festlegen muss. Ich glaube, das ist typbedingt. Ist man ein 100%- oder ein 80%-Prozent-Mensch? Ich neige zur Ungeduld und mich treibt es an, viel parallel zu machen, mich immer wieder neu entdecken zu dürfen und in neue Gruppenkonstellationen geworfen zu werden. Ich verfolge also nicht den Karriereplan, von einer großen festen Stelle, im Gegenteil, ich wusste früh von mir, dass ich freiberuflich mehrere Dinge machen möchte und ich bin froh, dass mich diese Neugier vor Existenzängsten bewahrt.

Was würdest du Einsteiger*innen raten, die gerne in deinem Bereich anfangen würden?

Ich habe ja keinen festen Bereich, aber ich würde trotzdem sagen: Lies viel, gehe zu Veranstaltungen, hinterfrage Literaturformate, vertrau darauf, was dich selbst am meisten interessiert oder fasziniert und trau dich, „Ja“ zu sagen. Vertraue darauf, wenn du ein ungutes Gefühl bei anderen Menschen hast. Selbst das beste Projekt ist mit unguten Leuten eher mittelmäßig. Vergiss nicht, zwischendurch genug Wasser zu trinken, such dir Verbündete, und vergiss auch nicht, was Du an Literatur so liebst.

 

Foto im Header: © Avi Bolotinsky

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